Archive for Dezember, 2008

Wer über Weihnachten in die USA fährt und dort – wie ich während meines Studiums – Weihnachten z. B. in einer Familie mitfeiern darf, wird sich unter Umständen wundern: Einige amerikanische Christen feiern nach wie vor die „Twelve Days of Christmas“, die „Zwölf Weihnachtstage“, zwischen dem 25. Dezember und der „epiphany“ („Dreikönigsfest“) am 6. Januar.

Während in fast allen deutschen Haushalten in dieser Zeit schon wieder die „Ruhe nach dem Sturm“ herrscht, feiern einzelne amerikanische Christen in diesen zwölf Tagen fast wie am Weihnachtsabend. Zu den Glaubensrichtungen, welche die „Twelve Days“, die ihren Ursprung in der amerikanischen Kolonialgeschichte haben, auch heute noch feiern, gehören z. B. die Mennoniten und die Amish. Letztere sind außerhalb der USA vor allem für ihre ursprüngliche Lebensweise und den Verzicht auf technische Hilfsmittel im Alltag bekannt. Die meisten Amish verdienen ihr Geld mit Landwirtschaft.

Die Traditionen der „Zwölf Weihnachtstage“

In den „Zwölf Weihnachtstagen“ ist es nach wie vor Tradition, sich an jedem dieser Tage gegenseitig zu beschenken und für jeden Tag eine Kerze anzuzünden. Außerdem werden täglich andere Strophen aus dem Lied „The Twelve Days of Christmas“ gesungen; dies ist insofern interessant, als dieses Lied ursprünglich gar nicht aus den USA kommt, sondern aus Skandinavien oder Frankreich (die genaue Herkunft ist bis heute unklar). Was den Weihnachtsbaum und die weihnachtliche Dekoration in den eigenen vier Wänden angeht, lief in den Haushalten, die ich kennen lernen durfte, alles genauso ab wie in Deutschland: Sowohl der Weihnachtsbaum als auch die anderen Dekorationen werden dort zwischen Weihnachten und dem „Dreikönigsfest“ entfernt. Auch in der Aula des Colleges, an dem ich studiert habe, stand ein prächtig geschmückter, überdimensionaler Weihnachtsbaum. Wie jeden Tag während des Semesters – das College gehörte zur „Evangelisch-Lutherischen Kirche in Amerika“ (ELCA)  – fand natürlich auch zu Weihnachten ein Gottesdienst im College statt. Diese Veranstaltung wurde vor allem von den zahlreichen Studenten aus dem Ausland gut angenommen, die keine Möglichkeit hatten, Weihnachten wie sonst, zuhause im Familienkreis zu feiern.

…nicht ganz so lustig, weil viel mehr und häufiger Schnee fällt als hierzulande! Die Wahrscheinlichkeit, in Minnesota „weiße“ oder zumindest sehr kalte Weihnachtstage zu erleben, ist sehr hoch. Das Land ist über weite Strecken flach, der Wind kann ungehindert durchziehen. Dementsprechend niedrig sind die Temperaturen: -20 bis -25°C, gefrorene Scheiben und Eisblumen an den Fenstern der Studenten-Wohnheime sind dort im Winter keine Seltenheit. In dem Jahr, als ich dort war, fiel der erste Schnee bereits Anfang/Mitte Oktober! Die Architekten der Hochschul-Gebäude haben jedoch, wie ich sehen konnte, vorgesorgt: Die Gebäude sind meistens durch Gänge miteinander verbunden, so dass Studenten und Personal nicht nach draußen müssen, um von einem Unterrichtsraum zum nächsten zu gelangen.

„Christmas Day“ und die amerikanische Religiosität

Abgesehen von den klimatischen Verhältnissen verläuft Weihnachten in Minnesota fast genauso wie hier bei uns: Es gibt am „Christmas Day“ (25. Dezember) Geschenke, ein Weihnachtsbaum wird aufgestellt – in vielen Haushalten stehen Weihnachtsbäume aus Plastik – , und die Kirchengemeinde begibt sich zur Mitternachtsmesse. Religiöser Patriotismus ist in den USA ein sehr hohes Gut, das von uns Europäern oft „belächelt“ oder unterschätzt wird – zu unrecht, wie ich während des Auslandsaufenthalts und eines zuvor absolvierten Schüleraustauschs feststellen konnte.

„Roast Turkey“: das traditionelle Weihnachtsessen in den USA

Traditionell gibt es in den USA zu Weihnachten gefüllten Truthahn mit Cranberry-Sauce (nicht zu verwechseln mit den hierzulande bekannten Preiselbeeren), Mais und grünen Bohnen. Beinahe jede Familie hat ihr eigenes Rezept für das „stuffing“ des Truthahns, in den Südstaaten auch „dressing“ genannt: Bestandteile der Füllung sind häufig Mais- oder Weißbrot, Zwiebeln, Sellerie, Petersilie, Wildreis oder auch Kastanien. Die Rezepte für die Truthahn-Füllungen werden heute noch von Generation zu Generation weitergegeben. Im Mittleren Westen der Vereinigten Staaten wird die „Speisekarte“ zu Weihnachten um skandinavische Gerichte wie „Lutefisk“ (Fischgericht, für dessen Zubereitung Trockenfisch verwendet wird) oder Rübenpüree  erweitert, die Einwanderer aus ihren Heimatländern mit in die USA brachten.

Eines der größten Hindernisse insbesondere für Rollstuhlfahrer ist in den USA noch nicht aus der Welt: Die Schwierigkeit, Naturschönheiten wie die US-Nationalparks für Behinderte zugänglich zu machen. Es werden zwar auf diesem Gebiet große Anstrengungen unternommen, dennoch gibt es nach wie vor Probleme für Menschen mit Behinderung, die einen Nationalpark besuchen möchten. In der Zeit meines Auslandsstudiums habe ich Nationalparks und “recreation sites” in Minnesota und North Dakota besucht.

Der „Access Pass“ gilt nur für US-Bürger

Nicht nur Touristen aus dem Ausland, die Nationalparks besuchen möchten, leiden unter den Hindernissen. Zwar gibt es mittlerweile den „Access Pass“, der Behinderten freien Eintritt zu den Nationalparks bietet. Diesen Pass sowie die damit verbundenen Ermäßigungen (für Bootstouren, Führungen etc.) können jedoch nur US-Staatsbürger sowie Menschen, die permanent in den USA wohnen, beantragen. Und die naturgegebenen Barrieren in Nationalparks werden dadurch natürlich auch nicht aus der Welt geschafft…

Schwierige Aufgabe für den „National Park Service“

Zwar wurden in vielen Nationalparks bereits behindertengerechte Wanderwege eingerichtet, sanitäre Einrichtungen umgebaut und andere Umbaumaßnahmen durchgeführt. Andererseits begibt sich der zuständige, von der Regierung beauftragte „National Park Service“ hier auf eine Gratwanderung zwischen den Interessen der Behinderten und der Erhaltung der unberührten Natur in den Nationalparks. Ein Zuviel an Umbaumaßnahmen käme zwar Menschen mit Behinderung, welche die Nationalparks besuchen möchten, zugute. Vom ursprünglichen Charakter der Parks, der so viele Einheimische und Touristen anlockt, wäre dann jedoch nicht mehr viel übrig. Zum Schluss noch ein Tipp: Wendy Roth und Michael Tompane haben zu dem Thema „Zugängliche Nationalparks“ ein Buch in englischer Sprache veröffentlicht; dort finden Interessierte Tipps für Besuche in den amerikanischen Nationalparks, Routenvorschläge, Empfehlungen für die am besten zugänglichen Parks, etc.

Mobilität ist in den USA so wichtig wie in kaum einem anderen Land. Zwar stimmt das „Märchen“ vom Amerikaner, der ständig umzieht – und das auch noch freiwillig! – so nicht mehr. Auch Amerikaner wechseln nicht so ohne Weiteres ihren Wohnort, sind genauso verbunden mit ihren Familien wie wir Europäer, die Wissenschaft unterscheidet meist zwischen „geographischer“ und „sozialer Mobilität“. Dennoch: Egal, wo man in den USA wohnt, Mobilität ist im Alltag sehr wichtig, insbesondere ein Auto, mit dem man die teilweise enormen Entfernungen zum Einkaufen, zu Freunden oder für Freizeitaktivitäten zurücklegen kann.

Enorme Entfernungen machen Auto unbedingt nötig

Das Gebiet der USA, in dem ich mein Auslandsstudium verbracht habe, der Bundesstaat Minnesota, ist da keine Ausnahme: Die Entfernungen beispielsweise zum nächsten Supermarkt, Restaurant, Arzt, Kino etc. sind enorm. Man kommt ohne Auto eigentlich nicht aus, und schon gar nicht als Behinderter. Wenn irgend möglich, wird man als dort lebender Mensch mit Behinderung deshalb versuchen, den Führerschein zu machen und sich ein Auto zuzulegen. Das öffentliche Verkehrsnetz ist zwar in den meisten Städten der USA gut ausgebaut, aber eben nicht in ländlichen Gebieten wie dem Mittleren Westen.

Mietauto für Menschen mit Behinderung leicht zu bekommen

Als Mensch mit Behinderung ein (Miet-)Auto zu bekommen, das an die jeweiligen körperlichen Voraussetzungen angepasst ist, ist in den USA ebenfalls kein Problem. Außerdem sind diese umgebauten Autos meist nicht viel teurer als „normale“. Die großen Mietwagen-Anbieter haben in vielen Filialen in den USA solche Autos vorrätig, die meist innerhalb kurzer Zeit beschafft werden können. In Deutschland dauert so etwas fast immer deutlich länger, oft sind überhaupt keine umgebauten Mietautos zu bekommen. Auch hier muss sich noch einiges tun, will sich Deutschland als rundum „behindertenfreundliches“ Land bezeichnen…