Ein Gastbeitrag von MyHandicap – Community, Infos & Adressen für Menschen mit Behinderung
Knapp 13 Jahre habe ich in den Vereinigten Staaten gelebt, studiert und gearbeitet. Dort habe ich als Rollstuhlfahrer mit plastischer Dysplesie sehr positive Erfahrungen gemacht, was es bedeutet mit einer Behinderung in Schule und Gesellschaft akzeptiert, respektiert und geschätzt zu werden.
Der ausschlaggebende Grund für meine Auswanderung in die USA war, dass es im öffentlichen Schulsystem in Deutschland nicht möglich war, aufgrund meiner körperlichen Behinderung in Kombination mit Legasthenie die optimale Förderung zu erhalten. Obwohl ich bei Klassenarbeiten inhaltlich stets gut abschnitt, mussten durch meine Lese-Rechtschreibschwäche bedingte Fehler in den Zensuren berücksichtigt werden und ich bekam schlechte Noten, die nicht meine Leistung widerspiegelten.
In den USA ist es aber so, dass – wenn man eine Legasthenie oder andere Formen von Lernschwäche mit ärztlichem Attest nachweisen kann – die darauf zurückzuführenden Fehler dem Schüler nicht negativ bei der Note angerechnet werden dürfen.
Mit 15 Jahren bin ich daher nach Litchfield (Connecticut) ausgewandert und besuchte dort eine Boarding School (Internat), die auf die besonderen Bedürfnisse von Schülern mit Legasthenie spezialisiert war. Dort wurde ich nicht nur von den Lehrern besonders gefördert, sondern es wurde mir beigebracht, wie sich die Legasthenie auf mein besonderes Lernverhalten auswirkt. Hierdurch bekam ich immer mehr Erfahrung im Umgang mit der Legasthenie, um trotzdem effektiv lernen zu können. Von den Mitschülern in den USA wurde ich trotz körperlicher Behinderung sehr schnell akzeptiert und in die Gemeinschaft integriert.
Um mich auf dem großen Gelände des Internats zurecht zu finden und zügig vom Klassenzimmer zur Cafeteria oder den Wohnhäusern zu gelangen, wurde mir von der Schule ein elektrisches Golf-Cart zur Verfügung gestellt.
Obwohl die Berührungsängste seitens meiner Mitschüler anfangs genau so bestanden wie in Deutschland, hatte ich doch das Gefühl, in Amerika schnell akzeptiert zu werden. Die Schüler waren wesentlich offener im Umgang mit mir und meiner Behinderung. Dort habe ich erlebt, dass Mitschüler offen auf mich zukamen und nachfragten, wie mich die Behinderung im täglichen Leben beeinflusst und was sie tun können, um mir zu helfen.
Ich glaube, dass dies in den USA grundlegend anders ist als in Deutschland und dazu führt, dass der Umgang mit behinderten Menschen selbstverständlicher ist. Behinderte Menschen sind in den USA stärker im öffentlichen Leben integriert, und man sieht sie auch wesentlich häufiger im Alltag, z. B. im Supermarkt, Kino, etc.
Amerikaner haben generell eine offene Art, auf Fremde zuzugehen und ihre Hilfsbereitschaft ist sehr ausgeprägt – egal ob das Gegenüber behindert ist oder nicht. Meiner Meinung nach bewirkt dies, dass Jugendliche und insbesondere Kinder viel früher mit behinderten Menschen konfrontiert werden, schneller ihre Berührungsängste abbauen und unkompliziert mit behinderten Menschen umgehen.
In Deutschland bestehen leider noch starke Berührungsängste. Durch die geringen Kontakte zu behinderten Menschen haben Deutsche wenig Erfahrungen im Umgang mit Behinderten und benehmen sich sehr unsicher.
In den USA ist es schon seit den frühen 80er Jahren gesetzlich verankert, dass öffentliche Gebäude wie Schulen, Behörden und Hotels barrierefrei gestaltet sein müssen. Das macht es viel leichter, sich als Behinderter in Amerika zu bewegen. 95% aller Bürgersteige sind abgeflacht und es gibt einen großen Anteil an Behindertenparkplätzen, z.B. vor Supermärkten. Das erleichtert behinderten Menschen in den USA sehr, ein selbständiges und selbst bestimmtes Leben zu führen.
Wenn man nun überlegt, als behinderter Mensch eine Ausbildung oder ein Studium in den USA zu beginnen, kann man darauf vertrauen, eine tolerante und deutlich offenere Gesellschaft vorzufinden als in Deutschland. Man sollte sich allerdings bewusst sein, dass eine Ausbildung bzw. ein Studium im Ausland eine zusätzliche Anstrengung bedeutet und man viel Selbstbewusstsein mitbringen muss, um im amerikanischen Schulsystem erfolgreich zu sein. Zwar erhält man jegliche Form von Hilfestellung, um die Probleme der Behinderung zu minimieren und wird als vollwertiges Mitglied der Gesellschaft gesehen und gefördert – es werden jedoch auch entsprechende Leistungen verlangt! Amerikaner sind sehr anspruchsvoll und erwarten viel, wenn Problemsituationen überstanden und Lösungsansätze gefunden werden müssen. Man kann mehr Unterstützung erwarten, muss aber auch damit rechnen, als behinderter Mensch mitnichten in Watte gepackt zu werden oder aufgrund der Behinderung weniger schulische oder berufliche Leistungen erbringen zu müssen.
Eine Auswanderung in die USA sollte man daher immer aus Überzeugung und eigenem Willen angehen, und nicht weil Familie oder Eltern das verlangen. Auf sich selbst gestellt kann man in den USA nur erfolgreich sein, wen man bereit ist, sich durchzubeißen und Problemsituationen selbst zu meistern. Mit der richtigen Einstellung ist ein Auslandsstudium in den USA für behinderte Menschen zu bewältigen. Der Lohn: Viele neue und interessante kulturelle Erfahrungen, eine gute Ausbildung und Erleichterungen beim beruflichen Einstieg.
Tags: Ausbildung, Legasthenie, Rollstuhl, USA